Das grosse Mediensterben?

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2008 forderte die Finanzkrise nicht nur die Köpfe einiger Grossbanken – sie initiierte auch ein langjähriges finanzielles Siechtum der Printmedien. Gleiches steht uns nach Corona bevor.

Der ohnehin schon angeschlagene Werbemarkt leidet unter Corona.

Die letzte Finanzkrise machte in den Jahren nach 2008 zahlreiche Publikationen dem Erdboden gleich. Seither klaffen Löcher in der globalen Medienlandschaft, die wohl nie wieder gefüllt werden. Gleiches steht uns nach Corona bevor. Die Werbeaufträge sind um 80 % eingebrochen (nzz.ch, 2020), TX Media und CH Media haben Kurzarbeit eingeführt. 20 Minuten, das Flaggschiffmedium der Pendler wird in gestutzter Auflage verteilt (persoenlich.com, 2020). Ganz zu schweigen von unabhängigen kleineren Verlagshäusern, deren Überlebenskampf sich in den letzten drei Wochen noch einmal zusätzlich verschärft hat.

Werbemarkt als Auslauf-Modell?

Aus der Verhaltensökonomie wissen wir, dass der Mensch so gut wie nie rational agiert. Dabei sollten wir gemäss dem Rationalitätsanspruch der Wirtschaftstheorie im Falle eines Marktversagens in der Lage sein, eine für alle Parteien optimale Ressourcenallokation vorzunehmen. Die Empirie zeigt, dass wir weit vom betriebswirtschaftlichen Ideal des Homo Oeconomicus entfernt sind. Ein Homo Oeconomicus hätte sich ausserdem wohl schon längst nach alternativen Business-Modellen umgeschaut, denn das Zweisäulenmodell der klassischen Printmedien, die sich auf den Werbe- und den Abomarkt stützen, funktioniert seit geraumer Zeit mehr schlecht als recht.

Medien im Paradigmenwechsel

Wenn Corona einen nachhaltigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruch mit sich bringt, so sind die Schweizer Medien bereits davon betroffen. Die Covid-19-Krise versetzt dem lange darbenden Printwerbemarkt den Gnadenstoss. Auch wenn Totgesagte oft länger leben: Die Katastrophe beschleunigt, was sich bereits seit über zehn Jahren abgezeichnet hat. Medien werden gelesen, aber inserieren will kaum mehr einer und so bricht eine noch immer elementare Einnahmequelle weg (Schweizer Medien, 2019).

Weg von Ad’s – hin zum Leser

Wo bleiben also alternative und praktikable Geschäftsmodelle für Medienhäuser? Ist die Lösung, sich zum universellen Tech-Konzern zu mausern? Müssen Medien die Skalierbarkeit von redaktionellen Inhalten bis zum Letzten ausreizen und die Konsolidierung der Verlage weiter vorantreiben – auf Kosten von Qualität und Regionalität?

Die Welt ist komplexer geworden und mit ihr auch die Anforderungen an die finanziellen Standbeine der Medien. Es ist also mehr als gerechtfertigt, sich nach alternativen Finanzierungsmodellen umzusehen, die in der heutigen Zeit funktionieren. Dabei wird es nicht ein klassisches Finanzierungsmodell für Medien mehr geben, sondern viele unterschiedliche Mischformen, die auf die individuellen Publikationen zugeschnitten sind.

Republik, Higgs und Infosperber: Existenzieller Idealismus

Republik (geb. 14.01.2018), Higgs (geb. 11.01.2018) und der dienstältere Infosperber (geb. 21.03.2011) sind drei Schweizer Beispiele für mutige Medienbusiness-Modelle, die wenig lukrativ sind. Das in die Jahre gekommene CMS von Infosperber müsste dringend ausgetauscht werden – ein entsprechender Spendenaufruf wurde 2020 lanciert. Alle drei Qualitätsmedien kämpfen in regelmässigen Abständen ums finanzielle Überleben. Diesen Preis zahlen sie für die konsequente Lossagung vom Werbemarkt. Die Infrastruktur- und Produktionskosten versuchen sie durch ihre reine Online-Präsenz gering zu halten. Higgs und Infosperber finanzieren sich durch freiwillige Spenden und sind für jedermann kostenlos zugänglich. Republik wird von Spenden auf freiwilliger Basis und durch Abonnenten finanziert, die eine Jahres-Mitgliedschaft von mindestens CHF 240.00 bezahlen. Reich werden die Gründer dieser Medien nicht, aber sie funktionieren alle unabhängig vom Werbemarkt.

Wind of Change

Der Werbemarkt hat ausgedient. Aber die Medien sind von riesiger politischer und gesellschaftlicher Bedeutung. Wir können nicht auf unabhängige Berichterstattung verzichten. Wenn Print-Werbung nicht mehr genug Interessenten finden kann und Online-Werbung zu günstig ist, als dass sich die Medienhäuser darüber finanzieren könnten, muss eine Veränderung her – oder besser noch – ganz viele Veränderungen. Eine Refokussierung auf den Abonnentenmarkt ist riskant, denn damit ein solches Vorhaben fruchten könnte, müsste unsere Gesellschaft umerzogen werden. Weg vom «Geiz ist Geil»-Denken, zurück zu «Qualität hat ihren Preis». Wie die Gratwanderung zwischen dem Informations-Auftrag der Medien, ihrer staatliche Unabhängigkeit und ihrer Solvenz gelingen kann, bleibt offen. Im Geiste der Demokratie ist Scheitern allerdings keine Option.

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