Vontobel Asset Management: EM-Aktien im Sonderangebot?

10 September 2018 -

 

Vontobel Asset Management / 10.09.2018
 
von Roger Merz, Head of mtx Portfolio Management, Vontobel Asset Management
und Thomas Schaffner, Senior Portfolio Manager, Vontobel Asset Management
 
In den letzten Monaten setzten US-Aktien ihren Höhenflug fort, während Titel aus den Schwellenländern stark unter Druck standen. Die Performance von US-Aktien und den Aktien aus anderen Regionen – vor allem den Schwellenländern – driftet seit April 2018 extrem auseinander (Grafik 1).
Laut einer neuen Studie von J.P. Morgan wird dies erkennbar, wenn man sich die Entwicklung der Kursdynamik anschaut. Bei den US-Aktien sieht sie positiv aus, doch in Europa und den Schwellenländern zeigt sich ein negatives Bild, das sich über alle relevanten Zeithorizonte erstreckt (1, 3, 6 und 12 Monate). Das ist eine ungewöhnliche Situation, die zwei Fragen aufwirft: Wie ist das passiert und, wichtiger noch, wie lange kann das dauern?
 
Ein Blick zurüc
Angespornt durch steigende Unternehmensgewinne, Aktienrückkäufe und die US-Unternehmenssteuerreform haben die US-Aktien sich überdurchschnittlich gut entwickelt. Zudem haben die Anleger in grossem Umfang US-Dollar gekauft. Gemäss dem BofAML bewegt der Höhenflug des US-Dollar sich im 97. Perzentil seiner 29-jährigen Datengeschichte. Die EM-Aktien litten dagegen aufgrund der Angst vor eskalierenden Handelsspannungen, beschleunigtem Schuldenabbau in der chinesischen Wirtschaft und hohen Wertverlusten von EM-Währungen wie der türkischen Lira unter einem wahllosen Abverkauf.Seit April wurden die EPS-Prognosen in den Schwellenländern gemäss Daten von Factset um 6 Prozent nach unten korrigiert. Wenn man sich die fast abgeschlossene Gewinnsaison bei den asiatischen Unternehmen anschaut, stellt man fest, dass der ausgewiesene Gewinn für das zweite Quartal 2018 etwa 5 Prozent über den Konsensschätzungen lag. Das könnte zu dem Schluss führen, dass beim drastischen Ausverkauf von Schwellenländeraktien im Wesentlichen der erwartete Rückgang der Unternehmensgewinne (Grafik 2) in Abzug gebracht wird. Für dieses Argument spricht auch, dass die Anzahl der Unternehmen, die hinter den Konsensschätzungen zurückbleiben, im Vergleich zur vorhergehenden Berichtsperiode steigt. Interessant ist dabei, dass unter den Unternehmen, die die Erwartungen der Analysten nicht erfüllen, mehr Technologiefirmen sind als Industrie- und Exportunternehmen.
 
 
Quo vadis?
Die Märkte gebieten weiterhin Vorsicht, doch die Auswirkungen des selbsterfüllenden Pessimismus sind in unseren Augen bedeutsam und eine nähere Betrachtung wert. Wir sehen, dass die Unternehmensleitungen ihre Prognosen für die nächsten Quartale gesenkt haben, wie sie es in solchen Situationen immer tun. Zudem führt zunehmende Unsicherheit zum Rückgang der Investitionen, was sich auf die zukünftigen Gewinne auswirken kann. Dasselbe gilt für den Rückgang der Konsumausgaben infolge von negativen Nachrichten.Derzeit erleben wir eine Marktsituation, die durch Dynamik und eine negative Stimmung geprägt ist. Einer oder mehrere der folgenden Katalysatoren könnten jedoch das bestehende Marktmuster verändern: Schwäche des US-Dollar oder zumindest geringere Investitionen in US-Dollar-Anlagen, eine Stabilisierung des chinesischen Yuan und die Wirkung der geplanten steuer- und geldpolitischen Massnahmen in China, das Abklingen der Spannungen im Welthandel oder sogar das Ergebnis der Zwischenwahlen in den USA.Fazit
Diese gesamtwirtschaftlichen Gründe sind nachvollziehbar, und die Korrektur hat zu attraktiven Bewertungen geführt. Auf Basis des Shiller-KGV ist der Abschlag auf Schwellenländer-Aktien im Vergleich zu den Titeln aus Industrieländern in den letzten zwei Monaten auf mehr als 36 Prozent gestiegen. Damit ist beinahe der langjährige Tiefpunkt von 40 Prozent von Anfang 2016 erreicht (Grafik 3). Solche niedrigen Bewertungen könnten ein erstes Anzeichen einer Erholung sein. Jedenfalls lehrt uns das die Geschichte – die schnelle Erholung der EM-Aktien Anfang 2016 ist ein Beispiel dafür. Ausserdem ist nicht zu vergessen, dass die langfristigen Wachstumsperspektiven in den Schwellenländern im Vergleich zu den entwickelten Märkten sehr attraktiv bleiben.
 
 

Roger Merz, head of mtx Portfolio Management,
Vontobel Asset Management

Thomas Schaffner, Senior Portfolio Manager,
Vontobel Asset Management

 

Kommentar verfassen